Jede Rücksendung ist für einen Onlinehändler ein kleines Verlustgeschäft. Versand hin und zurück, Prüfung der Ware, Aufbereitung, Wiedereinlagerung, im schlechtesten Fall Abschreibung, weil ein Artikel nicht mehr als neu verkauft werden kann. Besonders betroffen ist der Modehandel, und dort ein Grund ganz besonders: Das bestellte Teil passt nicht. Wer seine Retouren senken will, findet deshalb in der Größenberatung einen der wirksamsten Hebel – und einen, der oft erstaunlich wenig kostet.
Warum Kunden mehrere Größen bestellen
Das sogenannte Auswahlbestellen ist eine rationale Reaktion auf Unsicherheit. Wer nicht weiß, ob ihm M oder L besser passt, bestellt beide und schickt eine zurück. Das deutsche Widerrufsrecht macht dieses Verhalten bequem, und viele Händler haben es durch kostenlose Rücksendungen zusätzlich gefördert. Die Ursache liegt aber fast immer in fehlender oder schlecht aufbereiteter Information: Die Kundin kann nicht einschätzen, wie ein Artikel ausfällt, also lagert sie die Anprobe ins eigene Wohnzimmer aus.
Hinzu kommt, dass Größen zwischen Herstellern nicht einheitlich sind. Ein L der einen Marke entspricht nicht unbedingt dem L der anderen. Selbst innerhalb einer Marke unterscheiden sich Schnitte je nach Produktlinie. Wer das im Shop verschweigt, programmiert Retouren vor.
Die Bausteine guter Größenberatung
Maßtabellen, die wirklich gemessen sind
Eine Größentabelle, die nur S, M und L in Konfektionsnummern übersetzt, hilft wenig. Nützlich sind Maße des konkreten Artikels: Brustweite, Länge, gegebenenfalls Ärmellänge, jeweils am liegenden Kleidungsstück gemessen. Dazu gehört eine kurze Anleitung, wie Kunden ein eigenes, gut sitzendes Teil zum Vergleich ausmessen.
Ehrliche Hinweise zum Schnitt
Der wirksamste Satz auf einer Produktseite ist oft der unscheinbarste: „Fällt klein aus, wir empfehlen eine Nummer größer.“ Er widerspricht dem Reflex, die eigene Ware möglichst ohne Einschränkung anzupreisen, verhindert aber genau die Bestellung, die ohnehin zurückkäme.
Beratung nach Anlass
Die richtige Größe hängt davon ab, wie ein Teil getragen wird. Ein Sportoberteil, das eng am Körper sitzen soll, verlangt eine andere Wahl als eines, das im Winter über einer zweiten Lage getragen wird. Gute Beratung fragt nicht nur nach dem Körper, sondern nach dem Einsatz.
Ein Beispiel aus dem Sporthandel
Wie solche Beratung konkret aussehen kann, zeigt eine Trikotberatung zu Größe und Passform rund um die aktuellen Trikots des TSV 1860 München. Statt nur Modelle aufzulisten, erklärt die Seite, dass die Trikots der Saison körpernah geschnitten sind, und gibt eine klare Empfehlung: Wer locker trägt oder im Stadion etwas darunter anziehen möchte, wählt eine Nummer größer, wer es eng mag, bleibt bei der gewohnten Größe. Für die genauen Maße verweist sie auf die Größenangaben beim jeweiligen Artikel. Das ist kein technischer Aufwand, sondern eine redaktionelle Entscheidung: die Unsicherheit beantworten, bevor sie zur Doppelbestellung wird.
Technische Hilfsmittel – mit Augenmaß
Auf dem Markt gibt es zahlreiche Werkzeuge, die Größenempfehlungen automatisieren: Fragebögen zu Körpermaßen und Vorlieben, Vergleiche mit Marken, die die Kundschaft bereits trägt, bis hin zu Körpervermessung per Smartphone-Kamera. Solche Lösungen können helfen, besonders bei großen Sortimenten mit vielen Schnitten. Sie haben aber ihren Preis, binden Daten an Drittanbieter und sind datenschutzrechtlich zu prüfen.
Für viele kleinere und mittlere Händler lohnt sich deshalb ein anderer Weg zuerst: die vorhandenen Informationen ordentlich aufbereiten. Saubere Maße, klare Schnitthinweise und gut sichtbare Platzierung erzielen oft einen großen Teil der Wirkung, bevor überhaupt ein Werkzeug angeschafft wird.
Retourengründe auswerten
Größenberatung ist kein einmaliges Projekt. Wer wissen will, ob sie wirkt, braucht Daten über die Gründe von Rücksendungen. Ein Pflichtfeld im Retourenprozess, das zwischen „zu klein“, „zu groß“, „gefällt nicht“ und „beschädigt“ unterscheidet, liefert bereits wertvolle Hinweise. Häufen sich bei einem Artikel die Angaben „zu klein“, gehört ein entsprechender Hinweis auf die Produktseite. Häufen sie sich bei einer ganzen Marke, gehört er in die Markenbeschreibung.
Wichtig ist, die Auswertung mit Einkauf und Produktpflege zu verbinden. Retourengründe, die nur im Lager bekannt sind, verbessern keine einzige Produktseite.
Was dagegen nicht hilft
- Rücksendungen erschweren: Versteckte Retourenetiketten oder komplizierte Abläufe verärgern Kunden und kosten Wiederkäufe. Das Widerrufsrecht gilt ohnehin.
- Pauschale Größenrechner: Ein Rechner, der für alle Artikel dieselbe Logik anwendet, ignoriert genau die Unterschiede zwischen Schnitten, die Retouren verursachen.
- Beschönigende Produkttexte: Wer einen engen Schnitt als „figurbetont“ verkauft, ohne die Konsequenz für die Größenwahl zu nennen, verschiebt das Problem nur.
Der wirtschaftliche Effekt
Jede vermiedene Retoure spart unmittelbar Logistik- und Bearbeitungskosten. Mittelbar wirkt sie noch stärker: Kunden, deren erste Bestellung passt, kaufen eher wieder und empfehlen den Shop weiter. Zudem sinkt der Anteil der Ware, die zwischen Versand und Rücklauf im Kreislauf unterwegs ist und dem Verkauf nicht zur Verfügung steht. Gute Größenberatung ist damit nicht nur Kundenservice, sondern Margenpflege.
Kurz beantwortet
Was ist die häufigste Ursache für Retouren im Modehandel?
Eine nicht passende Größe gehört zu den wichtigsten Gründen. Viele Kunden bestellen deshalb mehrere Größen und schicken die unpassende zurück.
Braucht ein kleiner Shop ein Größenberatungs-Tool?
Nicht zwingend. Gemessene Maße pro Artikel und ehrliche Hinweise zum Schnitt bringen oft schon viel. Ein Werkzeug lohnt sich eher bei großen Sortimenten mit vielen Marken und Schnitten.
Wie erfährt ein Händler, ob seine Größenhinweise wirken?
Über die Auswertung der Retourengründe. Gehen die Angaben „zu klein“ oder „zu groß“ bei einem Artikel nach einer Textänderung zurück, hat der Hinweis gewirkt.



